Identitätsrelevanz als mögliches Entscheidungswerkzeug für die Nachnutzung industrieller Gebäude und Flächen

16.01.2026

Über 18 Monate analysierte das Projekt PARTIKUL („Partizipative Dokumentation der materiellen und immateriellen Bergbaukultur und Entwicklungsperspektiven für die Bioökonomie im Lausitzer Braunkohlerevier“) in der Dreiklangregion Welzow-Drebkau-Neupetershain, welche Bergbautraditionen und Bräuche mit konkreten Gebäuden verknüpft sind. Die Erkenntnisse sollen Grundlagen liefern, um identitätsstiftende Orte über neue wirtschaftliche Nutzungsmöglichkeiten aus dem Innovationsfeld Bioökonomie nachhaltig zu erhalten. Das Projekt wurde im Rahmen des Forschungsbündnisses Land-Innovation-Lausitz vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert.

Über ein Jahrhundert lang prägte der Braunkohlenabbau die Region um Welzow/Wjelcej, Drebkau/Drjowk und Neupetershain/Nowe Wiki. Klinkerbauten wie die ehemalige Puschkinschule, die freiwillige Feuerwehr oder das Verwaltungsgebäude der Eintracht AG in Welzow/Wjelcej, erinnern an den Aufschwung der Kohleindustrie. Doch was passiert, wenn solche Gebäude mit dem Ausstieg aus dem Braunkohlenabbau keinen Nutzen mehr haben? Sollten sie abgerissen werden, um Platz für Neues zu schaffen? Oder gehen hiermit nicht auch Orte verloren, die ein essenzieller Bestandteil des Identitätsgefühls der Region sind?

Um diesen Fragen nachzugehen, trat das Projektteam über eine Umfrage mit der Bevölkerung vor Ort in Kontakt und bot Interessierten so die Möglichkeit, die eigenen Bezüge zu bergbaulich geprägten Orten der Region direkt in das Projekt einfließen zu lassen.

Die Ergebnisse zeigten, dass vielfach Gebäude mit Traditionen und Bräuchen verbunden werden, die bereits eine Nutzung haben und so aktiv in ihrer Bedeutung für die regionale Identität gestärkt werden. Dazu zählen etwa die Steinitzer Dorfkirche und der Steinitzhof in Drebkau/Drjowk, als zentrale Orte für die Feierlichkeiten des Barbaratags, sowie touristisch genutzte Orte, wie das Welzower Fenster am Tagebaurand, oder auch Siedlungselemente wie die Schafstallsiedlung in Welzow/Wjelcej.
Parallel zu den durch die Bevölkerung benannten Orten betrachtete das Projektteam auch all jene Orte, die seitens der Stadt- und Regionalentwicklung saniert und nachgenutzt werden sollen – darunter der Neupetershainer Bahnhof und die Puschkinschule in Welzow/Wjelcej. Da eine Sanierung nur mit tragfähigem Nachnutzungskonzept möglich ist, untersuchte das Projektteam auch vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Bestrebungen des Landes Brandenburg zur Förderung der Ansiedlung nachhaltiger Industriezweige mittels der Entwicklung einer Bioökonomie-Strategie, wo sich Bedarfe von Akteurinnen und Akteuren der Bioökonomie mit den leerstehenden Gebäuden im Untersuchungsraum verbinden lassen.

Zu Projektabschluss ziehen die Kommunen Bilanz: „Die Mitarbeit am Projekt PARTIKUL hat uns ein neues Verständnis für den Sektor der Bioökonomie ermöglicht“, so der Drebkauer Bürgermeister Paul Köhne. „Wir konnten neue strategische Kontakte knüpfen, die es uns ermöglichen, zukünftig an das Projekt anzuknüpfen.“ Jana Rothe, Mitarbeiterin des Gebäude- und Liegenschaftsmanagements der Stadt Welzow/Wjelcej, sieht den Mehrwert vor allem in der Präsentation zur Verfügung stehender Immobilien: „Das Projekt PARTIKUL konnte deutlich machen, welche Alleinstellungsmerkmale für den aktuell auf Landesebene gewollten Wandel zur Bioökonomie-Region in den Vordergrund gerückt werden sollten. Dazu diente vor allem der durchgeführte Zukunftsdialog, der Gesprächspersonen der unterschiedlichen Bereiche auf Landesebene mit Akteuren der Stadtentwicklung zusammenbrachte. Die erarbeiteten Gebäude-Exposés wurden uns für die weitere Nutzung zur Verfügung gestellt.“

Das Projekt zeigt: Es gibt konkrete Orte, die unsere Heimat zu einem Teil von uns machen und deren Wegfall Lücken hinterlassen würde. Das mit diesen Orten verknüpfte immaterielle Erbe beschränkt sich nicht auf Feierlichkeiten und Symbolik, sondern umfasst vielfach auch technisches Wissen. Die Ansiedlung nachhaltiger Industriezweige kann dieses immaterielle Erbe der Region weiterführen und zugleich identitätsstiftende Orte erhalten. Indem gezielt neue Nachnutzungen aus dem Innovationsfeld Bioökonomie für diese Gebäude gefunden werden, eröffnet sich ein vielversprechender Weg, der an einen Teil unserer Identität anknüpft und die Dreiklangregion aktiv gestaltet.

Shownotes

  • Fotos: © IHM
    1) Bergmannsparaden sind ein wichtiger Bestandteil des immateriellen kulturellen Erbes des Lausitzer Braunkohlenbergbaus
    2) Die ehemalige Puschkin-Schule in Welzow/Wjelcej ist eines der Beispiele für Gebäude des Bergbaus, die einen hohen Bezug zur regionalen Identität haben und aktuell leer stehen. Ein erstes Nachnutzungskonzept für den Bioökonomie-Sektor soll hier die nächsten Schritte ermöglichen
    3) Beim Zukunftsdialog Wandel mit Wurzeln kamen im September 2025 am Neupetershainer Bahnhof Akteurinnen und Akteure der Stadtplanung, der Bioökonomie und der Arbeit mit kulturellem Erbe zusammen, um langfristig neue Netzwerke zu knüpfen
  • Originalveröffentlichung: www.heritage-management.com
  • Ansprechpartner/innen:
    Lea Brönner, Institute for Heritage Management Cottbus: broenner@heritage-management.com
    Heidi Pinkepank, Institut für Neue Industriekultur INIK GmbH: pinkepank@inik.eu
    Beate Menzel, Stadt Drebkau/Drjowk: menzel@drebkau.de
    Matthias Gärtner, Stadt Welzow/Wjelcej: m.gaertner@welzow.de
  • Weitere Informationen zum Projekt PARTIKUL: www.land-innovation-lausitz.de/lil-partikul/