Agroforst-Brot und Getreidestroh-Bäckertüte: Eine beispielhafte regionale Wertschöpfungskette in der Lausitz

06.02.2026
Seit dem Herbst 2025 – und nur für eine begrenzte Zeit – ist erneut das Agroforst-Brot aus der Lausitz erhältlich. Es wird zu 80 Prozent aus Mehl des Champagnerroggens aus der Agroforstwirtschaft von Landwirt Thomas Domin gebacken. Dieses Mal geht das Brot verpackt in Bäckertüten aus Getreidestroh über die Ladentheke. Zu kaufen gibt es das Brot in den 11 Bäcker Wahn-Filialen in der Lausitz und im Spreewald sowie im Hofladen des Landwirtschaftsbetriebes Domin.
Aktion in Vetschau zum Startschuss
Am 30. Januar 2026 gab es in der Bäcker Wahn-Filiale Alfred in Vetschau / Spreewald die Möglichkeit, beide Produkte aus der Agroforst-Landwirtschaft kennenzulernen und sich über deren Herstellungsprozess genauer zu informieren.
Im Rahmen der Vermarktungsaktion „…besser mit Bäumen!“ informiert das Projektteam von AgroWert-Regio des WIR!-Bündnisses Land-Innovation-Lausitz über Agroforstwirtschaft – eine Kombination aus Landwirtschaft und Gehölzen – und stellt die dort produzierten Produkte vor. „Das Projekt AgroWert-Regio war ein Verbundprojekt des Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft e.V. (DeFAF), der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), des Spreewaldvereines e.V. sowie der Praxispartner Bäckerei Wahn und Landwirtschaftsbetrieb Domin. Das Projekt fand bis Ende Dezember 2025 im Rahmen des Forschungsbündnisses Land-Innovation-Lausitz (LIL) statt. Es beschäftigte sich mit den ökonomischen Perspektiven von Agroforstsystemen, konkret der Inwertsetzung von Agroforst-Produkten“ erläutert Ruben Weber, ehemaliger Leiter des Projektes beim DeFAF. Agroforstsysteme schützen nicht nur den Boden vor Winderosion und Austrocknung, sondern schaffen auch Lebensräume für mehr Insekten und Vögel und binden durch die Gehölzstreifen zudem Kohlenstoffdioxid (CO₂) als aktiven Beitrag zum Klimaschutz. .

Aktion zur Probevermarktung am 30. Januar 2026 mit Verkostung des Agroforst-Brots und dem mehrfach preisgekrönter Bio-Rohmilchhartkäse der Hofkäserei Gut Ogrosen – ebenso in der Lausitz (Brandenburg). Links: Aaliyah Rohde, Bäcker Wahn & AgroWert-Regio-Projektbeteiligte und stellvertretend für den Projektleiter Ruben Weber, Julia Günzel, DeFAF e.V.. Rechts: Hermann Dauser, Projekt MEFAP und technischer Geschäftsführer der Firma Fibers365, weiß, wie man aus den Halmen von Roggen oder Weizen den Zellstoff herauslöst. © Tanja Kollersberger | ZALF.

Anlass für die zweite Agroforst-Brot-Kampagne war der bundesweite Aktionstag zum Klimawandel in historischen Gärten und Parks, der Ende September 2025 auf dem Gelände der Baumuniversität in Branitz stattfand. Anfang Oktober fand hierzu das dritte Treffen der Vermarktungsinitiative für Agroforstprodukte aus der Lausitz statt, um aktuelle und potenzielle Vermarktungswege und -formate für Agroforst-Produkte in der Lausitz und darüber hinaus zu diskutieren.
Was ist das Besondere am „Agroforst-Brot“?
Der Roggen für das Agroforst-Brot stammt vom Betrieb von Thomas Domin, Landwirt und Agroforst-Pionier in Peickwitz bei Senftenberg (Niederlausitz). Nach der erfolgreichen ersten Vermarktung 2024 erweiterte Domin die Anbaufläche für den Champagnerroggen für die diesmalige Aktion noch einmal: „Diese Roggensorte kann mit unseren eher trockenen Sandböden ganz gut umgehen, ist sehr auswuchsfest und backtauglich. Durch die aktive Nutzung kann so zusätzlich für den Erhalt der gefährdeten Sorte gesorgt werden“ erklärt der Landwirt begeistert.

Probevermarktung des Agroforst-Brot (links). Philipp Fumfahr kam persönlich zur Aktion in der Bäcker Wahn Filiale Alfred in Vetschau vorbei – über ihn ist das Rezept erhältlich. © Ruben Weber und Sebastian Wiesner | DeFAF e.V.

Philipp Fumfahr, Geschäftsführer der Bäcker Wahn Filialen, entwickelte das Agroforstbrot aus dem Agroforstmehl und stellt das Rezept auf Anfrage bereit. „Gereinigt und gemahlen wird das Getreide von einem Traditionsunternehmen der Region – der Schälmühle der Gebrüder Kümmel mit den Standorten in Vetschau und Burg/Spreewald – bevor es bei uns verarbeitet wird“ ergänzt Fumfahr.
Somit finden alle Produktionsvorgänge vom Anbau über Verarbeitung und Veredlung bis hin zur Vermarktung ganz regional in einem Radius von nur etwa 45 Kilometern statt.
Woraus besteht die „Agroforst-Bäckertüte“ im Detail?
Ein weiteres Highlight während dieser Verkaufsaktion ist die Brottüte, die im Rahmen des LIL-Projektes MEFAP entwickelt wurde. „In diesem Projekt ging es um die möglichst ganzheitlich-stoffliche Verwertung von Rohfaser und Rohprotein klimaresilienter Fruchtarten über selektive Ernte- und Aufbereitungsverfahren in ressourcenschonenden Farming-Systemen. Damit ist gemeint, dass die verschiedenen Bestandteile einer Fruchtart unterschiedlich verwertet werden: zum Beispiel das Getreide für Brot und die Fasern aus dem Getreidestroh für Zellstoff und dann Papier, Luzerne und Mais für die Kühe zur Milchgewinnung, die Nebenströme für Biogas und Lignin und die Wurzelmasse der Ackerkulturen für Humusaufbau“, so Dr. Klaus Gutser, MEFAP-Projektleiter am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF).
Bäckertütenpapier wird normalerweise aus hochwertigem Frischfaser-Holz-Zellstoff hergestellt. „Die Agroforst-Brottüte besteht zu 85 Prozent aus Fibers365 Getreidestroh-Faserstoff, der aus regionalen Ernte-Nebenprodukten erzeugt wird und nurmehr zu 15 Prozent aus Nadelholz-Zellstoff.“, fasst Hermann Dauser zusammen. Der Geschäftsführer der Fibers365 GmbH führt weiter aus: „Getreidestroh ist eine hervorragende Alternative zum immer wertvoller werdenden Rohstoff Holz. Für die Premiere wurden in Zusammenarbeit mit der PTS (Institut für Fasern & Papier gGmbH) 4.000 Tüten in einer Größe von 15 x 6,5 x 36 Zentimetern hergestellt. Die Qualität ist so gut wie erhofft: das feste, goldgelbe 45 Gramm-Papier überzeugte in allen technischen Belangen“.
Im Projekt MEFAP wurde großer Wert darauf gelegt, dass der Entzug von Getreidestroh durch den Anbau von Luzerne als humusmehrende Fruchtart kompensiert werden kann und mit Luzerne zugleich eine klimaangepasste Fruchtart und wertvolle Futterpflanze zur Verfügung steht.

Links: Bäckermeister Philipp Fumfahr (Bäcker Wahn) und MEFAP-Projektleiter Dr. Klaus Gutser vom ZALF begutachten die frisch gelieferten Bäckertüten.
Rechts: Die Bäckertüte aus Getreidestroh stand den Bäcker Wahn-Filialen erstmalig seit dem 30. Januar 2026 zum Einsatz zur Verfügung.
© Tanja Kollersberger | ZALF

Durch die temporäre Vermarktungsaktion erhoffen sich die LIL-Projektteams neue Erkenntnisse über die Wahrnehmung der Verbraucherinnen und Verbraucher, aber auch mehr Sichtbarkeit für Produkte aus Agroforstsystemen.
Wie geht es weiter?
Die Expertinnen Sabine Blossey und Jana Richter-Reichhelm des Referats Bioökonomie vom brandenburgischen Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz (MLEUV) sowie Danela Setton vom Ministerium für Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz des Landes Brandenburg (MWAEK), Leitung Stabsstelle „Koordinierung Klimaprojekte“/ Abteilung 6 Klimapolitik besuchten die Aktion pünktlich zum Startschuss, um sich vor Ort zu den entstandenen Produkten im Detail zu informieren und sich zudem mit den beteiligten Praxispartnern und Wissenschaftlern über diese sowie weitere zukünftige Vorhaben auszutauschen.

Expertenrunde: Sabine Blossey (mittig) und Jana Richter-Reichhelm (links) des Referats Bioökonomie vom MLEUV sowie Daniela Setton vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz des Landes Brandenburg (MWAEK), Leitung Stabsstelle „Koordinierung Klimaprojekte“/ Abteilung 6 Klimapolitik (rechts), MEFAP-Projektleiter Dr. Klaus Gutser vom ZALF (links), Projektbeteiligter und technischer Geschäftsführer der Firma Fibers365 Hermann Dauser (mittig) sowie LIL-Koordinator Thomas Maurer (ZALF/BTU, rechts) befinden sich im regen Austausch zur Entwicklung von klimaresilienten und ressourcenschonenden Landwirtschaftssystemen, die eine Mehrfachnutzung ausgewählter Ackerfrüchte ermöglichen. © Tanja Kollersberger | ZALF
Mit Blick auf die Aktion insgesamt und den wissenschaftlichen und regionalen Kontext, in den sie eingebettet ist, merkt Luise Porst, Koordinatorin von Land-Innovation-Lausitz am ZALF, an: „Aus landwirtschaftlicher Sicht gehört die Lausitz nicht zu den begünstigten Regionen. Sie ist außerdem mitten im Strukturwandel begriffen. Gerade diese herausfordernden Ausgangsbedingungen eignen sich aber auch, um neuartige Verfahren der Erzeugung und Verwertung von Biomasse auszuprobieren und darauf basierend an der Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten zu arbeiten“.
Über die Projekte
Um die Region Lausitz zu fördern, unterstützen die Projekte „Transdisziplinäre Mehrfachnutzung von Rohfaser und Rohprotein klimaresilienter Fruchtarten über selektive Ernte- und Aufbereitungsverfahren in ressourcenschonenden Farming-Systemen mit Recycling des Stickstoffs“, kurz „LIL-MEFAP“ und „Aufbau von Wertschöpfungsketten mit Agroforstprodukten aus der Lausitz“ kurz „AgroWert-Regio“ die Anpassung der Bioökonomie an ein sich änderndes Klima.
Das interdisziplinäre Forschungsprojekt AgroWert-Regio startete im Februar 2023 und endete Ende Dezember 2025. Es wurde vom Deutschen Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF) e.V. koordiniert.
Das ähnlich interdisziplinär aufgestellte Projekt MEFAP startete im Januar 2023 und endete Ende des Jahres 2025. Es wurde koordiniert vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), dessen Aufgaben die Abschätzung der Stickstoffverwertung, des Ertrags von Stängelmaterial und der Fruchterträge ausgewählter Nutzpflanzen; die chemische Analytik und spektroskopische Schnellmethoden; die ökonomische und ökologische Bewertung; sowie die Technologie und der Wissenstransfer in die landwirtschaftliche Praxis beinhalteten.
Förderhinweis:
Beide Projekte wurden im Rahmen des Forschungsbündnisses Land-Innovation-Lausitz (LIL) durchgeführt, welches vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Programm WIR! – Wandel durch Innovation in der Region gefördert wird. Land-Innovation-Lausitz (LIL) wird vom ZALF und der BTU Cottbus-Senftenberg koordiniert und zielt darauf ab, die Klimaanpassung der Landnutzung in der Lausitz mithilfe innovativer Technologien und nachhaltiger Nutzungsformen zu stärken. Dabei sollen Prinzipien der Bioökonomie zur Anwendung kommen, das heißt nachhaltige Nutzung von Biomasse oder biogenen Rohstoffen zur Herstellung von Produkten, Entwicklung von Anwendungen oder Bereitstellung von Dienstleistungen. Das Bündnis umfasst mehr als 60 Unternehmen und Institutionen aus Forschung, Wirtschaft, Landwirtschaft, Politik und Verwaltung. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Forschungs- und Entwicklungsprojekte liegen in den Innovationsbereichen Boden, Pflanze und Material, dem Integrationsbereich Kulturlandschaft sowie dem Querschnittsbereich Digitalisierung und Sensortechnik. Die Projektteams kommen jeweils aus Wissenschaft und Praxis und forschen unter anderem zu ressourceneffizienten Anbausystemen, trockenstressresistenten Anbaukulturen und biobasierten Kunststoffen.
Titelbild: Christina Dauser | Fibers365

Roll-Ups sowie weitere Aushänge befinden sich in und vor den Bäcker Wahn-Filialen, um auf die Aktion aufmerksam zu machen.
© Aaliayh Rohde | Bäcker Wahn